Das Interview mit der neuen Deutschen Frauen Schnellschachmeisterin, Lara Schulze (LS) von Werder Bremen wurde am 28.09. via Teams von Peter Frei (PF) geführt.

PF: Erst mal herzlichen Glückwunsch zu Deinem großartigen Sieg in Lübeck, Lara. Alle im Bremer Verband freuen sich mit Dir. Eine zweite Deutsche Meisterschaft 2021 nach Johnatan Carlstedt‘s Pokalsieg im Dähne Pokal ist natürlich eine sehr erfreuliche Entwicklung für den Schachsport in Bremen.

LS: Ich komme Deiner Einladung zum Interview natürlich gerne nach, Peter. Danke.

PF: Wie würdest Du Deinen Spielstil charakterisieren?

LS: Ich spiele gerne offene Stellungen, sehr gerne mit taktischen Verwicklungen. Auch ein Opfer in der Eröffnungsphase ist sicher nicht ganz verkehrt. Ich bereite mich akribisch auf Partien vor und wie eigentliche alle guten Spieler nehme ich bei der Erweiterung meines Eröffnungsrepertoires in der Voranalyse gerne mal den Engine zu Hilfe. Das ist heute Standard.

PF: Welche Chancen hattest Du Dir vor dem Turnier ausgerechnet? Rein rechnerisch standst Du auf Platz fünf nach der Elo-Wertung. War es da realistisch von einen Turniersieg zu träumen?

LS: Natürlich spiele ich, um zu siegen. Die Leichtigkeit hat mich dieses Mal am Ende überrascht. Das Turnier lief einfach rund. In keiner Partie hatte ich das Gefühl in echten Schwierigkeiten zu sein. Manchmal läuft es einfach und Du bist im Flow.

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Die Leichtigkeit des Sieges

Tiefenentspannt zur Meisterschaft

PF: Wie hast Du Dich auf das Turnier vorbereitet? Wie man liest, hast Du Dir eine Auszeit für Dein Schachspiel genommen.

LS: Ich bin froh, dass wir seit Ende Juli wieder verstärkt auf Turnieren am Brett spielen können. Nach Lübeck kam ich direkt von einem IM Qualifikationsturnier aus Berlin. Wie Du richtig sagtest, habe ich mir nach dem Abitur eine Auszeit für das Schachspiel genommen. Ich will die Zeit vor dem Studium nutzen, um die WGM-Norm zu erfüllen.

PF: In der Tabelle der Schnellschachmeisterschaft wirst Du noch als FM geführt. Wie steht es mit dem WIM? Der Titel kommt doch noch vor dem WGM.

LS: Inzwischen habe ich alle Normen erfüllt und die Verleihung des WIM ist jetzt nur noch Formsache. Sie steht in den nächsten Wochen an.

PF: Nach zwei Siegen gegen Gegnerinnen mit ELO unter 2000 in den Runden 1 und 2, hast Du am ersten Tag In den Runden drei bis fünf nacheinander die späteren, zweit- bis vierplatzierten Spielerinnen geschlagen. Welches waren für Dich die Schlüsselmomente in dieser Phase und woran lag es, dass Du die Nase vorn hattest.

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Am Ende die entscheidende Partie:

Carmen Voicu-Jogodzinsky gegen Lara Schulze in Runde 3 (0-1)

Fotografin: Sandra Schmidt

LS: In Runde drei spielte ich gegen Carmen (WGM). Sie wurde später Zweite. Sie hatte aggressiv begonnen und Material geopfert. Die Stellung war verwickelt, aber ich konnte dem Druck standhalten. Am Ende der Partie war der Sieg dann eher eine Frage der Technik.

PF: Gabt es besonders interessante Stellungen aus dieser Turnierphase, die Dir gefallen haben.

LS: Eine weitere Schlüsselpartie war sicher die Partie in Runde vier gegen Annemarie Mütsch (WIM). Die Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz (d5) entstand aus der Rossolimo Variante in der Sizilianischen Verteidigung (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5). Nebenbei bemerkt eine Eröffnung, bei der man die Theorie schnell hinter sich lässt. Das Stellungsbild stammt aus meiner Nachanalyse.

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Runde 4: Lara Schulze – Annmarie Mütsch

Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Einen Zug vorher wurde 15.Sf5 gespielt, um die Deckung des Springers auf h3 zu unterbrechen. Schwarz versuchte mit 15…d5 zu kontern, doch ich fand die stärkste Erwiderung: 16.La2!

Auch andere Varianten führen zum Nachteil für Schwarz: 16.Lxd5 läuft in 16…Lxf5 17.exf5 Dxd5 und nach 18.fxg6 oder 18.Kxh6 hat Weiß nur noch einen kleinen Vorteil und Schwarz viel Gegenspiel oder 16.Lb3 lässt die Extraoption 16…c4 zu.

Nach 16.La2 hat Schwarz keine gute Antwort. Der Springer auf h4 hängt, nach 16…Sg5 folgt 17.Sxg5 hxg5 18.Dh5 und Weiß gewinnt Material. Ähnlich sieht es nach 16… dxe4 17.dxe4 Sg5 aus. In der Partie folgte 16…Se7, wonach ich mit 17.Sxe7 Dxe7 Lxd5 einen wichtigen Zentrumsbauern und später die Partie gewann. (Analyse von Lara Schulz)

PF: Aber Du hattest am Ende des ersten Tages noch die an eins gehandelte Marta Michna (WGM) vor dir. Ihr lagt zu diesem Zeitpunkt beide nach vier Runden mit vier Punkten an der Spitze des Feldes.

LS: Die Partie war sicher der Schlüssel zum späteren Gesamtsieg. Auch hier habe ich ein Diagramm mitgebracht. Als Eröffnung spielte Marta die Philidor Verteidigung (1. e4 e5, 2. Sf3 d6).

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Runde 5: Lara Schulze – Marta Michna

Stellung nach dem 14. Zug von Schwarz

Hier gab es verschiedene Wege um in Vorteil zu kommen. Gespielt wurde 15.e5!? mit der Idee 15…dxe5 16.Sxb5, da der c-Bauer gefesselt ist (16. … cxb5 17.Lxb7 mit Doppeldrohung Lxa8 und Lc6). Wenig später entstand ein für Weiß klar besseres Endspiel mit Läuferpaar und Bauernmajorität am Damenflügel.

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Runde 5: Lara Schulze – Marta Michna

Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Die Aktivierung der Bauernmehrheit am Damenflügel mit 21.c4 Sf4 22.b4 führte wenige Züge zum Gewinn (Analyse von Lara Schulz).

PF: Du lagst nach dem ersten Tag mit einem Punkt Vorsprung vorn. Wie hast Du Dich mental auf den zweiten Tag vorbereitet.

LS: Ich habe die Zeit vor den vier letzten Spielen zu einem ausgedehnten Spaziergang am Timmendorfer Strand genutzt und mich entspannt. Mit einem komfortablen Vorsprung befand ich mich in einer Komfortzone. Von den stärkeren Spielerinnen hatte ich nur noch Anna Dergatschova (WIM) vor mir. Aber Anna spielt nicht Ihr bestes Turnier und lag mit 2 ½ Punkten bereits ziemlich weit zurück im Mittelfeld. Als ich in der vorletzten Runde dann auf Sie traf, hat Sie es mir leicht gemacht. Damit war der Sieg nach acht Runden perfekt.

PF: In der letzten Runde gab’s nach acht Siegen ein Remis gegen Elina Heutling (1850). Rasmus Svane hat es sich nicht nehmen lassen, auch in Runde 9 noch mal voll durchzuziehen. War da bei Dir die Luft raus, nachdem Du mit 1 ½ Punkten Vorsprung den Titel bereits eingefahren hattest.

LS: Das möchte ich so nicht sagen. Ich gehe eigentlich immer motiviert ins Match. Unterbewusst mag es sein, dass sich die Anspannung schon etwas gelöst hatte. Jedenfalls habe versucht auch diese Partie zu gewinnen. Man muss aber anerkennen, dass sich Elina in einem Endspiel mit Minusbauer clever verteidigt hat und die Punkteteilung geht daher natürlich in Ordnung.

PF: Noch zwei letzte Fragen Lara. Was sind Ihre nächsten Schach-Ziele und wie geht es weiter nach dem Schachjahr?

LS: Als nächstes steht ein Lehrgang als Vorbereitung auf die U20 EM auf dem Programm. Sicher sind Normerfüllungen für den WGM Titel die herausragenden Ziele für die nächsten Monate.

Nach dem Schachjahr habe ich vor Deutsch und Geschichte mit dem Ziel eines Masterabschlusses zu studieren. Aber das Leben ist ja bekanntlich voll von Überraschungen. Bis dahin ist noch etwas Zeit.

PF: Danke für das Gespräch.

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